Zur Metaphysik des Untergangs oder zur Stunde des Angelus von Michael Kunze

—gregor jansen & udo kittelmann

Wer über den griechischen Philosophen Heraklit promoviert und ein Buch mit dem Titel »Der Untergang des Abendlandes« verfasst, hat es nicht leicht in den 1920er und 1930er Jahren in deutschen Gefilden. Oswald Spengler löst mit diesem Abgesang auf den allgemeingültigen Fortschritt sogleich einen Streit aus und lehnt den Ruf der Universität von Göttingen ab. Die politischen Kräfte, die sich damals dem prophezeiten Untergang entgegenstemmen wollten und dann bekanntlich diesen Untergang des »alten Europa« beinahe vollendeten, sorgten für eine immer noch nachhallende Zäsur in der Geschichte der Moderne. 1933 kommt Spengler mehreren Angeboten der Nationalsozialisten, u. a. einem Ruf an die Universität Leipzig, nicht nach, und 1935 tritt er sogar vom Vorsitz des Nietzsche-Archivs zurück, weil ihm die einseitige Auslegung des von ihm so verehrten Philosophen missfällt. Zuvor wurde er aber schon zur Persona non grata erklärt. Am 8. Mai 1936 stirbt Spengler in München an Herzversagen.
       50 Jahre später studiert an der dortigen Kunstakademie der Maler Michael Kunze, dem die Griechen als Heroen und die Deutschen als Gegenpol eines Abendlandes Spenglerschen Zuschnitts vertraut sind – und dessen Malerei einen Gegenpol zur bestimmenden 1980er-Richtung der expressiv-launischen »Nouveaux Fauves« darstellt. Auch er hat es nicht leicht. Was Spengler den falschen Propheten seiner Zeit war, ist Kunze den deutschen Trendmalern und Kunstkennern geworden. Er übergeht deren Zynismus und ignoriert ihren Hochreiz des Bad Painting oder schnöden Salonstils. Geschult an klassischer Antike in Philosophie und Theater, sucht Kunze den Weg eines andersgearteten Untergangs des Abendlands, nämlich jenen, welcher mit Arnold Böcklin und Giorgio de Chirico gegen Paul Cézanne und Pablo Picasso eingeschlagen wurde. In diesem Zusammenhang ist seine Serie der »Les Messieurs d’Avignon« bemerkenswert, die auch als kompletter Ausstellungsblock im ZKM | Museum für Neue Kunst in Karlsruhe 2007 vorgestellt wurde. Die kleine Veränderung an dem berühmten Bildtitel fokussierte hier eine folgenschwere historische Nuancierung: Zum Ende des 19. Jahrhunderts trennten sich zwei diametral entgegengesetzte Kunstauffassungen voneinander, von denen die eine, mit Cézanne beginnend, sich im Kubismus und dem hierauf folgenden Avantgardereigen fortsetzte und bis hin zur Minimal- und Konzeptkunst der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eine scheinbar historisch folgerichtige, linear verständliche und »fortschrittliche« Moderne suggerierte. Diese von Kunze so genannte »amtliche« und museal gewordene Moderne wird bis heute nach Schulbuch als die gültige Erzählung gelehrt, die ein Zeitalter voller Spannungen und Umbrüche von sich selbst entworfen hat. Im Gegensatz hierzu begann die »Schattenlinie« mit Böcklin, setzte sich fort mit der Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico, mit verschiedenen Spielarten des Surrealismus und kam dann in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem im europäischen Film der 1960er und 1970er Jahre zu einer nochmaligen Blüte, mit u.a. Antonioni, Buñuel, Pasolini, Fellini, Tarkowski etc. – und heute Lars von Trier. In der bildenden Kunst dominierten hier nicht »Richtungen« das Feld, sondern starke Einzelgänger wie Balthus, Francis Bacon oder auch Anselm Kiefer. Auf dieser untergründig wirkenden und weniger griffigen Seite der Moderne herrscht ein labyrinthischer, geschichtsverwobener, teilweise zum Düsteren, Komplizierten und politisch Unkorrekten neigender Kontext, der keine verlässliche Moral und keine stringenten Utopien anbietet – und auch popkulturellen Harmonisierungsbestrebungen stets widerspricht.
       Die vielen, fast vergessenen Bezüge, die auf dieser nietzscheanisch inspirierten Nachtseite der Moderne wirken, werfen auf die heute ausgetrampelten Einigungspfade ein ungewohntes Licht, das manche Selbstverständlichkeiten einer allzu orthodox gewordenen Geschichts- und Gegenwartsinterpretation infrage stellt. Kunze untersucht gezielt diesen anachronistischen Erzählstrang in texthaltigen und doppelbödigen Bildkonstruktionen, in denen Elegisches an Idealisches geknüpft wird, Surreales an Historisches und Lesbares an Unlesbares.
       Das hier vorliegende Künstlerbuch, das an erster Stelle die Ausstellung von Michael Kunze in der Kunsthalle Düsseldorf begleitet, umfasst den Großteil der Arbeiten des Künstlers seit dem Jahr 2007. Zusätzlich flankiert es seine folgende Beteiligung an einer dialogischen Ausstellung mit drei weiteren zeitgenössischen Positionen der Malerei in der Berliner Neuen Nationalgalerie.
       Die zum Teil vielteiligen Bildgruppen dieser fünf Jahre hängen textuell eng zusammen und sind allesamt jener Genealogie einer vermeintlich antimodernen Moderne verpflichtet, deren Einflussnahme auf heutige Bildwelten – vom Film bis zum Computerspiel – umso mächtiger zu sein scheint, je versteckter und untergründiger sie vor sich geht. Kunzes Malerei umfasst in der Traditionslinie der Böcklinschen »Toteninsel«, welche genau 50 Jahre vor Spenglers Tod in ihrer fünften Version in Florenz, der Stadt der Renaissance, fertiggestellt wurde, das späte, dunkle und sperrige Konglomerat einer »deutschen Seele« zwischen aufgehendem Tag und einsetzender Nacht. Salvador Dalí übrigens malte ein Jahr vor dem deutschen Furor im Jahre 1932 eine surrealistische Landschaft mit dem Titel »Das wahre Bild der Toteninsel Arnold Böcklins zur Stunde des Angelus«.
       »Zur Stunde des Angelus«: So ließe sich die Schattenlinie der Moderne, der Michael Kunze folgt, weiter und weiter schildern. Seit dem spektakulären »Morgen«, der erstmalig 1990 im Forum Kunst Rottweil gezeigt wurde, geht es hier um einen Reset, keinen Neustart der Moderne, im Sinn einer eurokontinental geprägten Kulturwanderung von Norden nach Süden und zurück. So ist auch der Ausstellungs- und Buchtitel zu verstehen, der, von einer mythologischen Metapher ausgehend, diese über viele Grenzen hinwegschreitende Identitätsbildung verfolgt, die einst an ägäischen Küsten begann und heute als die gescholtene und bewunderte westliche Kultur ihre globalen Auswirkungen zeigt.
       Die Bilder zeigen neben rein konstruierten und fantastischen Szenerien Transformationen fotografischer Porträts, von D’Annunzio bis Michel Houellebecq. Wir finden neben der malerischen Umdeutung historischer Konstellationen, z. B. des sogenannten Spiegel-Gesprächs zwischen Martin Heidegger und Rudolf Augstein, Filmstills aus der genannten Epoche des eurokontinentalen Films bis hin zu Peter Steins »Faust«-Inszenierung für die EXPO 2000. Die Bezüge reichen von dem surreal-gewalttätigen Western »El Topo« Alejandro Jodorowskys von 1970 über die »Geister« Lars von Triers bis zu »300«, der Comicverfilmung über die Entscheidungsschlacht eines anderen Abendlandes, nämlich Sparta, das gerade erst am Anfang stand und schon vom Untergang bedroht war.
       Halkyonische Tage. Die Abbildungsfolgen des vorliegenden Buches werden unterbrochen von kurzen, oft bis zur Absurdität komprimierten und hermetisch verlinkten Texten des Künstlers, die allesamt von idealistischen und kulturkritischen Fragestellungen ausgehen. Diese Texte, die dem Bildmaterial gegenüber in keinem erläuternden, diskursiven Verhältnis stehen, erscheinen selbst wie romantisch-solitäre Fragmente einer erst als Ruine vollendeten Systemarchitektur. Die ebenfalls zwischengeschalteten fotografischen Arbeiten sind auf ausgedehnten Griechenlandreisen entstanden. Meist in Schwarz-Weiß gehalten, verbinden sie idealisierende mit archäologisch-dokumentierenden Aspekten eines Bildes, das bei gleichzeitiger Distanzierung von Postkartenhochglanz und wissenschaftlicher Aufnahme dem flüchtigen Geist eines Ortes nachspürt. Trotz oder gerade weil die antike Blütezeit so fern zu liegen scheint, sei hier nochmals der Brutzeit des Eisvogels in den kalten Tagen des Südens auf die Spur zu kommen: Ende und Anfang Europas schmelzen in einem surreal scharfen, tiefschattigen Licht zu einer wild konfigurierten Szenerie zusammen, in der die Fülle einer möglichen Erzählung oft in die Leere einer unmöglichen Geschichte umschlägt.
       Michael Kunze »is a very strange masterpiece« – und wir danken vor allem ihm für gute 30 Jahre konsequenter Geradlinigkeit eines sehr steinigen Weges! Freuen Sie sich auf diese Pilgerreise in den heiligen Hain ohne Götzenkult und Tempeldiener. Die Malerei sei mit Ihnen!
       Xαίρετε. Chairete! Freut euch!


Halkyonische Tage, Köln 2013, S. 6